Informationen zum Asperger-Syndrom

(zusammengestellt von Dagmar Elsenbast)

 

Das Asperger-Syndrom gehört in den Bereich des Autismus-Spektrums und ist eine sozial/kommunikative Behinderung.

  

Innerhalb des Autismus-Spektrums unterscheidet man 2 Unterformen:

  

1. Kanner-Syndrom     - 1943 von Leo Kanner beschrieben

                                    - frühkindlicher Autismus, bereits beim Kleinkind diagnostizierbar

                                    - Leben „unter einer Glasglocke“, d. h. in einer eigenen Welt ohne

                                      oder nur mit sehr eingeschränktem Kontakt zur Umwelt

                                    - intellektuelle Fähigkeiten nur schwer messbar durch die fehlende

                                      Kontaktfähigkeit zur Außenwelt

                                    - sprachliche Äußerungen analog zum Grad der Kontaktaufnahme

                                      zur Umwelt sehr eingeschränkt bis nicht vorhanden

  

2. Asperger-Syndrom  - 1944 von Hans Asperger beschrieben

                                    - geriet zunächst in Vergessenheit, wurde 1981 von L. Wing erst-

                                      mals wieder aufgegriffen und erst zu Beginn der 90er Jahre in-

                                      tensiver untersucht

                                    -  „High functioning“ -Autismus

                                    -  Diagnose erst mit den ersten Sozialkontakten außerhalb des

                                      unmittelbaren familiären Umfeldes möglich (ab ca. 3 Jahren)

                                    - ist gekennzeichnet durch autistische Verhaltensweisen ohne Ab-

                                      bruch des Kontaktes zur Außenwelt

                                    - intellektuelle Fähigkeiten vergleichbar mit neurotypischen Indivi-

                                      duen, Spezialinteressen oder Inselbegabungen

                                    - hohe Sprachkompetenz mit umfangreichem Vokabular bei einge-

                                      schränkter semantischer Varietät (1 Begriff = 1 Bedeutung)

  

Behinderungsmerkmale von AS                Positive Auswirkungen von AS

  

- Informationsverarbeitung erfolgt               - hohe Abstraktionsfähigkeit

  fast ausschließlich rational (bewusst)      - ausgeprägte Fähigkeit zur objektiven

  und nicht intuitiv (unbewusst)                      Beobachtung und Bewertung

  

- Unfähigkeit zum Multitasking                   - hohe Konzentrationsfähigkeit

                                                                      - ausführlichste Bearbeitung der

                                                                        Einzeltasks

- höchste Genauigkeit

- hohe Merkfähigkeit

  

- überdurchschnittliche Empfindlichkeit    - besonders ausgeprägte Fähigkeiten in

  einzelner oder mehrerer Sinne:                 Bereichen, die erhöhte Sinneswahrneh-

     riechen                                                       mung voraussetzen

     tasten

     schmecken

     hören

     sehen

  

Die oben aufgeführten Behinderungsmerkmale treten einzeln auch bei neurotypischen Men-schen ( NTs) auf. Von Asperger-Syndrom spricht man erst, wenn alle Merkmale vorliegen.

  

Zwischen dem Grad der Intelligenz eines Individuums und AS besteht kein ursächlicher Zu-sammenhang. Da jedoch eine von hoher Rationalität geprägte Informationsverarbeitung häufig mit hoher Intelligenz gleichgesetzt wird, gelten viele Asperger-Autisten als überdurchschnittlich intelligent oder als in ihren Spezialgebieten inselbegabt.

  

Der grundlegende Unterschied zwischen neurotypischen Menschen und Menschen mit Asperger-Syndrom liegt in der Art der Informationsverarbeitung im Gehirn.

  

Menschen nehmen ständig über ihre 5 Sinne enorm große Mengen an Informationen auf und müssen sie verarbeiten. Bei dieser Flut an Informationen muss das Gehirn filtern, um nicht überlastet zu werden. Ein geringer Teil wird rational aufgenommen und im Bewusstsein abge-speichert. Diese Informationen sind jederzeit bewusst und gezielt abrufbar. Der weit größere Teil der Informationen wird an anderer Stelle im Gehirn abgespeichert. Auf diesen „Speicher“, in dem auch die Gefühle angesiedelt sind, kann der Mensch nicht bewusst zugreifen. Man bezeichnet ihn als "Unterbewusstsein", "Intuition" oder auch "Bauchgefühl".

  

Jede Handlung und Reaktion eines Menschen findet grundsätzlich auf der Basis beider Infor-mationsspeicher statt, wobei in der Regel der Anteil des intuitiven Speichers im Verhältnis 80 zu 20 überwiegt. Jede vermeintlich rein rationale Entscheidung ist auch von der Intuition beein-flusst. Unter Zeitdruck steht die Intuition absolut im Vordergrund (Bauchgefühl), denn rationales Abwägen und Entscheiden ist wesentlich zeitaufwändiger als spontanes, intuitives Agieren.

  

Auch der Asperger-Autist sammelt Informationen in gleichem Umfang wie der neurotypische Mensch in beiden Informationsspeichern seines Gehirns an, jedoch sind seine Möglichkeiten, auf den unbewussten Speicher zurückzugreifen sehr eingeschränkt, d.h. er ist fast ausschließ-lich auf die Informationen angewiesen, die er bewusst abgespeichert hat und agiert und rea-giert daher primär rational und nicht intuitiv.

  

Im sozialen Umgang miteinander haben Gefühle eine zentrale Bedeutung. Sie sind im intui-tiven Speicher beheimatet und durch die Ratio weder erfassbar noch steuerbar. Menschen können nicht bewusst fühlen. Asperger-Autisten unterscheiden sich im Eigenempfinden von Gefühlen nicht von neurotypischen Menschen, sie können jedoch nicht die Gefühle anderer nachempfinden, da Mitgefühl ein intuitiver und kein rationaler Prozess ist. Neurotypische Men-schen sind in der Lage, bewusst die Ratio auszuschalten und sich in die Hände der Intuition und des Gefühls zu begeben. Ein Mensch, dem fast ausschließlich die Ratio zur Verfügung steht, kann dies nicht. Umgekehrt kann die Ratio Gefühle bewusst unterdrücken. Die überwie-gend rational agierenden und reagierenden Asperger-Autisten wirken daher auf ihr soziales Umfeld emotionslos und gefühlskalt, was jedoch keinen Rückschluss auf ihren tatsächlichen Gefühlszustand zulässt.   

  

Eine Kontrolle der Gefühle durch die Ratio ist jedoch nicht in jedem Fall möglich. Kommt es zu einem „emotionalen Overload“ ist es bei jedem Menschen mit der „Beherrschung“ vorbei, es kommt zu „unkontrollierten Gefühlsausbrüchen“. Häufig ist gerade bei männlichen jungen As-perger-Autisten aggressives Verhalten zu beobachten. Dies hat seine Ursache jedoch nicht in einem erhöhten Aggressionspotential. Die Probleme, die das Asperger-Syndrom im sozialen Umgang mit neurotypischen Menschen für die Betroffenen mit sich bringt, führen zum Anstauen von damit verbundenen Gefühlen, die irgendwann auch von der Ratio nicht mehr beherrschbar sind. Je versierter der Asperger-Autist im sozialen Umgang wird, umso geringer wird die Ge-fahr eines „emotionalen Overloads“.

  

Ein Asperger-Autist muss alle Erfahrungen, die er in seinem Leben macht, bewusst machen, damit sie für ihn nutzbar sind.

  

Gerade im Bereich der Kommunikation kommt dies besonders zum Tragen.

  

Ein Säugling ist bei der Kommunikation mit seiner Umwelt auf das Erkennen der Körperspra-che, der Stimmmodulation und der Situation, in der kommuniziert wird, angewiesen. All dies nimmt er nicht bewusst, also rational, sondern intuitiv auf und setzt es selbst als Kommunika-tionsmittel ein. Diese Form der ersten Kommunikation ist einem Säugling mit Asperger-Syn-drom nicht möglich. Er besitzt zwar selbst die Fähigkeit zu Körpersprache und Stimmmodula-tion und macht davon auch entsprechend seinem emotionalen Zustand Gebrauch, kann aber auf die Reaktionen seiner Umwelt nicht zurückgreifen, um sein zukünftiges Verhalten daraufhin auszurichten.

 

Erst mit dem gesprochenen Wort erhält der Asperger-Autist die Möglichkeit, mit seiner Um-welt zur kommunizieren. Sein Spracherwerb unterscheidet sich jedoch wesentlich von dem neurotypischer Menschen. Da Sprechsituation und Stimmungslage des Sprechers, die durch die Stimmmodulation und/oder die Körpersprache geäußert werden, für ihn nicht als bedeu-tungsgebend erkennbar sind, ordnet er jedem Wort nur eine Bedeutung zu. Dies führt häufig zu einem im Vergleich mit Gleichaltrigen umfangreicheren Wortschatz und einer grammatisch komplexeren Sprache.

  

Die Sprache eines Asperger-Autisten ist in der Regel verbal komplexer bei gleichzei-tig geringer semantischer Varietät als bei neurotypischen Menschen.

  

Sprache ist für den Asperger-Autist Mittel zur rational geprägten Kommunikation, jedoch nicht zur sozial/emotionalen Interaktion. Spricht er mit einer anderen Person, macht er die Erfah-rung, dass diese zusätzliche Anforderungen sozial/emotionaler Natur an ihn stellen. Solange er nicht in der Lage ist, diese Anforderungen zu bedienen, weil er sie sich noch nicht rational er-schlossen hat, wird er diese Kontaktaufnahme vermeiden. Das bedeutet, dass bei einem Kind mit Asperger-Syndrom durchaus die Sprachfähigkeit vorhanden sein kann, es davon aber kei-nen Gebrauch macht.

  

Nonverbale Kommunikation muss von Asperger-Autisten bewusst gelernt werden.

Das bedeutet, dass z. Bsp. Körpersprache nie intuitiv, jedoch rational gelernt und dann ver-standen werden kann.

  

Ein Mensch, der in der Lage ist, Informationen sowohl rational als auch intuitiv zu verarbeiten, kann dies auch parallel tun. Multitasking ist nur unter Zuhilfenahme der intuitiven Informations-verarbeitung möglich. So brauchen z. Bsp. Personen mit langjähriger Fahrpraxis während ei-ner Autofahrt nicht mehr über jeden Handgriff nachzudenken und können sich in Gedanken mit etwas anderem befassen. Erfordert jedoch eine veränderte Verkehrssituation die Aufmerk-samkeit, müssen die Gedanken hierauf konzentriert werden. Rein rationales Multitasking ist nicht möglich. Aus rationaler und intuitiver Informationsverarbeitung kombiniertes Multitasking führt immer zu einer Qualitätsminderung des rationalen Tasks.

  

Asperger-Autisten sind nicht multitaskingfähig, da ihnen die intuitive Informations-verarbeitung nicht zur Verfügung steht.

  

Die wesentlichen Unterschiede zwischen dem intuitiven und dem rationalen Informationsspei-cher eines Menschen sind Umfang und Zugriffsgeschwindigkeit. Der Umfang des intuitiven Speichers ist verglichen mit dem rationalen um ein Vielfaches größer und gleichzeitig die Zu-griffsgeschwindigkeit um ein Vielfaches höher. D.h. neurotypische Menschen können bei ihren Aktionen und Reaktionen und bei der Entscheidungsfindung auf eine wesentlich größere Men-ge an Informationen in kürzerer Zeit zugreifen als Asperger-Autisten. Dies ist ein rein quantita-tiver Unterschied, der nichts über die Qualität der unterschiedlichen Methoden der Informa-tionsverarbeitung aussagt. Im sozialen Umgang miteinander wird jedoch schnelles Agieren und Reagieren von neurotypischen Menschen überwiegend als Zeichen hoher Intelligenz ver-standen. In der Konsequenz werden die geistigen Fähigkeiten der rein rational orientierten und somit in der Informationsverarbeitung langsameren Asperger-Autisten als geringer einge-schätzt.

 

Andererseits führt die rationale und intensive Bearbeitung spezieller Themen zu großem Wis-sen und hoher Kompetenz in einzelnen Spezialgebieten. Daher gelten viele Asperger-Autisten als hoch- oder inselbegabt bei gleichzeitiger sozialer Minderkompetenz.

  

Bevor ein Mensch Informationen auf die eine oder andere Art verarbeiten kann, muss er sie zunächst über einen oder mehrere seiner 5 Sinne aufnehmen. Der bei weitem überwiegende Teil der Sinneswahrnehmungen erfolgt unbewusst. Auslöser für ein bewusstes Wahrnehmen eines Sinneseindrucks ist entweder die Ratio, durch Fokussierung auf ein Sinnesorgan und damit dessen Sensibilisierung oder die Intensität mit der unsere Sinnes-organe von außen ange-sprochen werden. Den Geruch einer Blume nimmt man entweder bewusst wahr, weil man an ihr riecht (aktiv) oder weil diese Blume einen besonders intensiven Geruch hat (pas-siv).

  

Bei Asperger-Autisten ist mindestens einer der 5 Sinne besonders ausgeprägt. D.h. Eindrücke, die mit den betroffenen Sinnen aufgenommen werden, sind besonders intensiv und werden in jedem Fall bewusst wahrgenommen. So kann z. Bsp. eine Berührung, die ein Neu-rotypischer fast nicht registriert, für einen Asperger-Autisten kaum auszuhalten sein und seine volle Aufmerksamkeit (Ratio) gefangen nehmen. Ist der betroffene Sinn das Gehör, kann es für diese Person schon ab einem für neurotypische Menschen geringen Geräuschpegel unmög-lich sein, ihre Aufmerksamkeit auf eine andere Sache zu konzentrieren. Die besonders ausge-prägte Sinneswahrnehmung wird rational verarbeitet, so dass eine zweite, zeitgleiche rationa-le Verarbeitung nicht möglich ist, denn dies wäre rationales Multitasking. 

  

Gerade die intensivere Sinneswahrnehmung führt zu den autistischen Verhaltens-weisen von Menschen mit Asperger-Syndrom. Sie versuchen Situationen zu vermeiden, in denen es zu starken Eindrücken der betroffenen Sinne kommt. Insbesondere ist davon der Kontakt mit anderen Menschen betroffen. Er bringt körperliche Nähe oder gar Berührung mit sich (Tastsinn), Geräusche wie Sprache, Lachen etc. (Gehörsinn), Gerüche wie Parfüm oder Körpergeruch (Geruchssinn), visuelle Eindrücke wie Aussehen, Farbe der Kleidung oder gar Augenkontakt (Gesichtssinn) und im Zusammenhang mit einem gemeinsamen Essen auch Geschmackswahrnehmungen (Geschmackssinn). Menschen mit Asperger-Syndrom sind da-rauf angewiesen, Techniken zu erlernen, mit denen sie rationale Multitasking-Situationen ver-meiden können. Beherrschen sie diese Techniken nicht oder nur unvollkommen, ziehen sie sich zurück und vermeiden den Kontakt mit anderen Menschen, zeigen also autistisches Ver-halten.

  

Das Verhalten von Menschen mit Asperger-Syndrom ist in allen Lebensbereichen von Ratio-nalität geprägt. Das bedeutet, dass sich ihnen das Verhalten neurotypischer Menschen auch nur rational und nie intuitiv erschließt. Sie können nonverbale Äußerungen nur verstehen, wenn ihnen deren Bedeutung bewusst ist, weil sie diese auf rationalem Weg erlernt haben. Seman-tische Varietäten verbaler Äußerungen müssen ebenfalls rational erlernt werden. Z. Bsp. wird eine ironische Äußerung nur dann als Ironie verstanden, wenn dem Asperger-Autisten bekannt ist, dass diese auch ironisch gemeint sein kann.

  

Neurotypische Menschen lernen während ihrer Sozialisation überwiegend intuitiv den Umgang mit anderen ebenfalls neurotypischen Menschen. Da sie im Laufe ihres Lebens eher selten auf rein rational geprägte Asperger-Autisten treffen werden, ist der Umgang mit diesen in den sel-tensten Fällen Teil ihrer Sozialisation. Es besteht in der Regel für neurotypische Menschen kei-ne Notwenigkeit, auf diesem Gebiet Fähigkeiten (Verständnis) zu entwickeln.

  

Umgekehrt hat es der Asperger-Autist im Laufe seines Lebens fast ausschließlich mit neuro-typischen Menschen zu tun. Er ist also darauf angewiesen, während seiner Sozialisation auf rationalem Weg zu erlernen, wie neurotypische Menschen miteinander umgehen, um seinen Platz in der Gesellschaft zu finden. Ziel kann es jedoch nicht sein, deren Verhalten nachzuah-men. Dazu ist er nicht in der Lage, weil ihm der Zugriff auf die Intuition fehlt. Er kann jedoch er-lernen, wie seine Aktionen und Reaktionen von neurotypischen Menschen verstanden werden, damit er diese zielgerichtet einsetzen kann.

  

Will ein Asperger-Autist von Neurotypischen verstanden werden, muss er Neuroty-pisch mit Asperger-Akzent sprechen, denn Neurotypisch ohne Akzent kann er nie lernen und die Neurotypischen verstehen kein Aspergerisch.